Franziskanische Gemeinschaft

Franziskanische Spiritualität

Im Frühsommer 1216 reist der französische Chorherr Jacques de Vitry über die Alpen nach Perugia. Dort weilt er ein paar Wochen am päpstlichen Hof, dessen Leben ihn anwidert. In seinem Reisebericht vom Herbst beschreibt der neu geweihte Bischof als erster die noch junge Bewegung um Franziskus:

«Ich habe in Umbrien allerdings einen Aufbruch vorgefunden, der mich mit Hoffnung erfüllt: Männer und Frauen, Reiche und Laien, die um Christus willen auf allen Besitz verzichtet haben ... Sie nennen sich kleine Brüder und kleine Schwestern und werden auch vom Papst und den Kardinälen in Ehren gehalten ... Sie leben nach der Form der Urkirche. Tags begeben sie sich in die Städte und Dörfer, wo sie sich abmühen..., nachts ziehen sie sich in Einsiedeleien und an einsame Orte zurück, um sich der Betrachtung hinzugeben. Die Frauen leben dagegen in der Nähe der Städte in verschiedenen Hospizien (Herbergen) zusammen; sie nehmen keine Güter an, sondern leben von der Arbeit ihrer Hände ... Ich glaube tatsächlich, dass der Herr vor dem Ende der Welt viele Seelen durch diese armen und schlichten Menschen retten will zur Beschämung der Prälaten, die mittlerweile stummen Hunden gleichen ...»

Der «kleine Bruder aus Assisi» fand einen besonderen Weg zu intensiverem Leben – persönlich und gemeinsam mit anderen. Sein Menschsein zeichnete sich durch «Tiefe und Weite» aus:
Geerdetes Leben – als Geschöpf in einer Mitwelt, die sich im Innersten als grosse Familie erweist. Die Erde wird zum Lebensraum, den Pflanzen, Tiere und Menschen miteinander vernetzt teilen. Leben, eingebunden in eine menschliche Gesellschaft, die sich nach komfortabler Freiheit sehnt – diese aber oft auf Kosten anderer ausweitet. Aber nur das sensible Zusammenspiel aller bringt ihr auch Frieden. Leben auf der Suche nach dem, was mehr als alles ist. Franziskus findet sein erfüllendes Leben inspiriert von einem DU, das über allem ist, auf das alles hinweist und das zugleich eigene Fussspuren in unserer Welt hinterlassen hat, auf dass wir ihnen folgen.
Die Bewegung des Poverello umfasst Menschen aller Stände, Berufe und Lebensweisen: innerhalb und ausserhalb der Kirche. Franziskus hat diese Kirche ebenso bejaht wie er in ihr einen ganz neuen Weg zu gehen wagte. Seine Kunst, den inneren Reichtum aus Tradition und grösserer Gemeinschaft auszuschöpfen, ermutigt, kirchlich, sozial und politisch innovativ zu werden.

Nach Br. Niklaus Kuster

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